Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, müssen Angehörige oft innerhalb von Stunden handeln. Wer dann erst Passwörter, Verträge und Vollmachten suchen muss, verliert Zeit und Nerven. Ein Notfallordner ist eine der einfachsten und wirksamsten Formen der Vorsorge.

Warum ein Notfallordner so wichtig ist

Viele Menschen gehen davon aus, dass Ehepartner oder Kinder im Ernstfall automatisch alles regeln dürfen. Das stimmt nur eingeschränkt. Ohne Vollmacht dürfen Angehörige in vielen Bereichen nicht für Sie handeln, etwa bei Bankgeschäften oder Verträgen. Für Ehepartner gibt es zwar ein gesetzliches Notvertretungsrecht in Gesundheitsfragen, es ist aber zeitlich und inhaltlich eng begrenzt. Stand: aktuelle Rechtslage – im Einzelfall prüfen.

Fehlt eine Vollmacht, kann ein Gericht eine rechtliche Betreuung anordnen. Das ist nicht immer ein Familienmitglied. Mit wenigen Dokumenten können Sie selbst festlegen, wer für Sie entscheidet.

Die vier Bereiche des Notfallordners

Persönliches und Recht

Ausweiskopien, Vollmachten, Verfügungen, Testament oder Hinweis auf dessen Aufbewahrungsort.

Gesundheit

Medikamentenplan, Vorerkrankungen, Allergien, Kontaktdaten der behandelnden Ärzte.

Finanzen und Verträge

Konten, Versicherungen, Kredite, Daueraufträge, Mietvertrag oder Grundbuchauszug.

Hinzu kommt ein vierter Bereich, der heute immer wichtiger wird: der digitale Nachlass. Dazu gehören E-Mail-Konten, Online-Banking, soziale Netzwerke, Abonnements und Cloud-Speicher.

Der digitale Bereich im Detail

Viele Verträge werden heute ausschließlich online geführt. Rechnungen, Kündigungsbestätigungen und Kontoauszüge landen im E-Mail-Postfach oder in Kundenportalen. Ohne Zugang wissen Angehörige oft nicht einmal, welche Verträge bestehen. Legen Sie deshalb eine Liste aller wichtigen Online-Konten an, mit dem Namen des Anbieters, dem Benutzernamen und einem Hinweis, was im Ernstfall geschehen soll: weiterführen, kündigen oder löschen. Die Passwörter selbst gehören nicht offen in den Ordner. Sicherer ist ein Passwortmanager mit Notfallzugang für eine Vertrauensperson oder ein versiegelter Umschlag, den Sie bei jeder Änderung austauschen.

Denken Sie auch an das Smartphone. Ohne Entsperrcode ist es für Angehörige meist wertlos, obwohl darauf Fotos, Kontakte und Zwei-Faktor-Apps für das Online-Banking liegen. Ein Hinweis, wo der Code hinterlegt ist, kann viel Aufwand ersparen.

Die wichtigsten Vollmachten und Verfügungen

Vorsorgevollmacht
Bestimmt eine Vertrauensperson, die in festgelegten Bereichen für Sie handeln darf, etwa bei Gesundheit, Wohnen, Behörden und Finanzen.
Patientenverfügung
Legt fest, welche medizinischen Maßnahmen Sie in bestimmten Situationen wünschen oder ablehnen.
Betreuungsverfügung
Benennt eine Person, die das Gericht als Betreuer einsetzen soll, falls eine Betreuung nötig wird.
Bankvollmacht
Viele Banken verlangen eine eigene Vollmacht auf ihrem Formular. Klären Sie das mit Ihrer Bank.

Registrierung

Vorsorgevollmachten und Betreuungsverfügungen können im Zentralen Vorsorgeregister hinterlegt werden. Gerichte fragen dort nach, bevor sie eine Betreuung anordnen.

Versicherungen: der oft vergessene Teil

Im Ernstfall müssen Angehörige wissen, welche Versicherungen bestehen und wo sie Leistungen beantragen können. Gerade bei Absicherungen für Lebensrisiken gibt es oft Fristen. Eine übersichtliche Liste hilft enorm.

Versicherungen, die im Notfallordner aufgeführt sein sollten
VersicherungWarum wichtigWas notieren
RisikolebensversicherungAuszahlung an HinterbliebeneVersicherer, Vertragsnummer, Bezugsberechtigte
BerufsunfähigkeitsversicherungRente bei BerufsunfähigkeitVersicherer, Vertragsnummer, Ansprechpartner
UnfallversicherungFristen für Meldung und InvaliditätVersicherer, Vertragsnummer, Leistungsumfang
PflegezusatzversicherungGesonderter Leistungsantrag nötigVersicherer, Vertragsnummer
SterbegeldversicherungFinanzierung der BestattungVersicherer, Vertragsnummer, Bezugsberechtigte

So bauen Sie Ihren Ordner auf

  1. Einen Ordner mit Registern anlegen und ein Deckblatt mit den wichtigsten Kontakten erstellen.
  2. Vorhandene Dokumente sammeln, Lücken notieren.
  3. Fehlende Vollmachten und Verfügungen erstellen, bei Bedarf mit rechtlicher Beratung.
  4. Versicherungsübersicht anlegen und mit den Verträgen abgleichen.
  5. Zugangsdaten sicher hinterlegen, etwa in einem versiegelten Umschlag oder über einen Passwortmanager mit Notfallzugang.
  6. Vertrauenspersonen sagen, wo der Ordner steht.

Ein Notfallordner ist ein Geschenk an die Familie. Er nimmt in einer schweren Zeit viele Fragen ab, die sonst niemand beantworten kann.

Wünsche für den Fall des Todes

Neben Rechtlichem helfen Angehörigen auch persönliche Wünsche: Erd- oder Feuerbestattung, Ort der Beisetzung, Gestaltung der Trauerfeier, Personen, die benachrichtigt werden sollen. Wer zusätzlich eine Sterbegeldversicherung abgeschlossen hat, sollte die Wünsche mit dem Vertrag zusammen ablegen. So können die Angehörigen die Bestattung im Sinne der verstorbenen Person gestalten, ohne in Vorleistung gehen zu müssen.

Wo der Ordner hingehört

Der beste Ordner hilft nichts, wenn ihn niemand findet. Bewahren Sie ihn an einem festen Ort in der Wohnung auf, den Ihre Vertrauenspersonen kennen, etwa im Arbeitszimmer oder in einem abschließbaren Schrank, dessen Schlüssel bekannt ist. Ein Bankschließfach ist dagegen weniger geeignet, weil Angehörige ohne Vollmacht im Ernstfall keinen Zugang haben. Bei Paaren lohnt sich ein gemeinsamer Ordner mit getrennten Registern für jede Person. Eine Kopie der wichtigsten Seiten, etwa Kontaktliste und Vollmacht, kann zusätzlich bei einer Vertrauensperson liegen.

Aktuell halten

Einmal im Jahr und nach jeder größeren Veränderung, etwa Umzug, Heirat, Trennung, Geburt oder neuer Vertrag.

Vollmachten sollten im Original greifbar sein. Ein Testament dagegen wird besser beim Nachlassgericht hinterlegt, im Ordner genügt ein Hinweis.

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